Es ist noch nicht mal sieben Uhr in der Früh. Ich sitze im Zug zur Arbeit und die Landschaft zieht an mir vorbei. Jeden Montag bis Freitag dieselbe Landschaft. Und doch ist sie jeden Tag ein bisschen anders als am Vortag. Die aufgehende Sonne, die die Bäume und Flüsse golden färbt und sie friedlich aussehen lassen, der Regen und die gelegentlichen Stürme, die eine bedrohliche Kulisse aufbauen und durch das Fenster des geschützten Zugabteils trotzdem eine sogar gemütliche Atmosphäre schaffen.
Es sind immer die gleichen Gesichter, die mir im Zug begegnen. Da ist diese Frau, die kaum zugestiegen, ihren Laptop aufklappt und wie wild um sieben Uhr morgens beginnt, auf die Tastatur einzuhämmern, als gäbe es kein Morgen mehr. Oder hat sie vielleicht ihre Vorbereitungen für eine Präsentation noch nicht abgeschlossen und ist in Zeitnot? Aber das gleich jeden Tag? Sie wird ihren Computer erst wieder zuklappen, wenn der Zug am Perron in Bern hält. Ich musste ihr aber auch schon zuschauen, wie sie im Waggon noch an ihrer Pedicure feilt. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das unbedingt während einer Zugfahrt erledigt werden muss, will mich jetzt aber auch nicht als Moralapostel aufspielen.
Dann ist das dieser Mann, der jeweils nur jeden Dienstag in denselben Zug steigt und mir gegenübersitzt. Etwas älter, grau meliert, mit einer etwas strengen Brille und im Anzug. Typ CEO. Er lässt sein Mobiltelefon keinen Augenblick ausser Acht.
Der Schaffner schaut vorbei, um die Tickets zu kontrollieren. Ich glaube, es gehört irgendwie wohl auch zum täglichen Ritual, dass immer mindestens eine Person darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie «nur» das Halbtax-Abo zeigt und noch das entsprechende Zugbillett hervorkramen muss.
Ausserdem ist da diese – ich nenne sie jetzt mal «Hardcore-Pendlerin». Eine sportliche Erscheinung. Sie steigt jeden Morgen mit ihrem Fahrrad in den Zug und nimmt es mit nach Bern.
Zu guter Letzt: der Gehetzte. Auch diese Spezies ist in unserem Wagen vertreten. Er wird, sobald die bevorstehende Ankunft in Bern verkündet wird, aufspringen und zur Türe hetzen. Eventuell hat er aber ja auch einfach noch einen knappen Anschlusszug, den er erwischen muss!?
Inzwischen ist es Ende August, der erste Regen hat heute in der Früh nach einer Periode mit sehr heissen Tagen eingesetzt, und bei meiner heutigen Fahrt ziehen erste Nebelschwaden auf. Ist der Sommer wirklich bereits zu Ende und der Herbst zieht ein?
Es ist noch nicht mal acht Uhr, als ich auf Gleis 8 in Bern ankomme. Die Stunde vergeht wie im Fluge – oder eher zutreffender: wie im Zuge. Was würde ich nur ohne meinen Kaffeebecher machen?

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